Schloss cochem

Im Himmel über der Mosel

Hier also hat ein Fass alles ins Rollen gebracht – diese traditionelle Redensart fällt dem staunenden Besucher sofort ein, wenn er unten vom Fluss die 100 steilen Meter hoch zu dem markanten Bergkegel der Reichsburg von Cochem hinaufblinzelt.

Von Christian Personn

Das Licht der Nachmittagssonne bricht sich an den markanten Umrissen der gotischen Burg. Die äußere Kontur des aufragenden Berges setzt sich quasi im Gebäude fort und gipfelt im Schieferdach des wuchtigen Turmes.

Von da oben rollten also einst – bei der berühmten Fässerschlacht im Jahre 1522 – Dutzende von leeren Weinfässern in eine Horde von Angreifern: und vertrieben diese marodierenden Landsknechte mit ihrer Gier auf feuchte Beute. Die schlaue Idee zur Verteidigung der Burg hatten damals ein paar Ratsherren: Als unten auf der Wiese Söldner ihre Lager aufschlugen, um einen Sturm auf die Burg vorzubereiten, ließen die Stadtoberen heimlich und spätabends leere Weinfässer über einem Stadttor zu einer Pyramide hochstapeln. Als die wilde Horde Ritter am nächsten Morgen zum Sturm antrat, da zerschnitten die Cochemer flugs die Halteseile. Die leeren Fässer rumpelten hinab – und die Angreifer wurden gequetscht und weggedrängt. Nicht nur dies frustrierte die unverletzt Gebliebenen – vielmehr dachten sie nun auch: Wo so viele leere Fässer sind, können kaum noch volle sein, die Beute würde mager ausfallen. Also zogen sie wütend ab, gaben die Belagerung auf. Diese Kriegslist aus dem Mittelalter ist bis heute Stammtischthema und lässt die Cochemer jedes Jahr ausgiebig in den Weinbergen Feste feiern.

Der Weinanbau prägt die Moselgegend von alters her. Um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit (um 1500) wurde an Festen und Feiertagen schon damals ordentlich gebechert. Regelmäßig guten Wein konnten sich allerdings nur reiche Adlige, Geistliche und Kaufleute leisten – sie brachten es im Durchschnitt auf ein bis eineinhalb Liter pro Tag. Für die einfachen Leute, auch für die Moselwinzer, blieb oft nur der „Fluppes“, der Nachwein, der aus gewässertem Trester gekeltert wurde. Die einfache Bevölkerung trank mit Wasser verdünnten Wein oder Dünnbier mit wenig Alkohol, weil das gesünder war als das oft verunreinigte Wasser. Der Trend damals ging aber eindeutig zum Bier, der Wein wurde zunehmend in der Gunst der Deutschen verdrängt. Schlaue Mönche in Bayern hatten längst kreative Lösungen für die Fastenzeit kreiert. Nach dem Motto „Flüssiges bricht Fasten nicht“ brauten sie ein starkes, kalorienreiches Bier, das – in ausreichender Menge genossen – auch ohne feste Nahrung satt machte.

Speisesaal

Die Geschichte der Burg

Die Bauherren der monumentalen Höhenburg über der Mosel waren die lothringischen Pfalzgrafen, die ihren Sitz in der Kaiserpfalz zu Aachen hatten. Später nannten sie sich „Pfalzgrafen bei Rhein“ (ab 1085) und gehörten zu den sieben Kurfürsten, den mächtigsten Fürsten im Reich, die den deutschen König wählten (küren = wählen). Einen Streit um die Pfalzgrafenwürde machte König Konrad III. im Jahr 1151 ein Ende, indem er die Burg Cochem mit Burgmannen besetzte und als Reichslehen endgültig in seine Gewalt brachte. Damit wurde die Burg Cochem während der Staufer-Zeit eine Reichsburg. Fortan wurden Reichsministeriale – mit dem Titel Burggraf – für die Verwaltung von Burg und Reichsbesitz eingesetzt.

Die Reichsburg ist eine mittelalterliche Verteidigungsanlage wie andere Ritterburgen auch. Etwas vornehmer vielleicht, weil sie die Pfalzgrafen beherbergte. Deren Sicherheitsbedürfnis genügten aber Höhenlage, Gräben und Mauern wohl nicht. Wie damals üblich, ließen die Burgherren inmitten der Wehranlage an der höchsten Stelle den sogenannten Bergfried bauen. Der war letzter Fluchtpunkt, bis Frieden auf dem Berg einkehrte – und galt auch gleichzeitig als Statussymbol für den Burgherrn.

Der Bergfried hier war sehr prestigeträchtig, denn mit 40 Metern außergewöhnlich hoch. Der Turm steht auf der Felsenspitze, die in den Turm hineinragt. Sein unterer Teil ist achteckig ummantelt. Hier beträgt die Mauerstärke bis zu 3,60 Meter. Er ist oben mit vier markanten Erkertürmen versehen. Dort sind die Mauern noch bis zu 1,80 Meter dick. Die Angst vor Angreifern war offensichtlich ziemlich groß …

Der Bergfried ist der älteste Teil der Burg. Er führt über 1000 Jahre zurück in die deutsche Geschichte, die damals sehr martialisch und vom Bösen geprägt war. Mit Machtkämpfen und Intrigen reiht sich die Burggeschichte nahtlos in das gesellschaftliche Gefüge jener Zeit ein: Mord und Totschlag waren üblich, um unliebsame Mitmenschen oder Rivalen aus dem Weg zu räumen. So geschehen mit der Pfalzgräfin Mathilde, die 1062 ihren Gatten auf dem Gewissen hatte, oder dem Grafen Herrmann von Salm und Luxemburg, auch deutscher König, der 1086 sein Burgfräulein aus Versehen steinigte.

Die rheinischen Pfalzgrafen – mit ihren Territorien eingezwängt zwischen den Erzdiözesen Köln, Trier und Mainz – verließen um 1100 die Moselregion und residierten von da an in Heidelberg. Das nutzte der Kurfürst und Erzbischof von Trier und vereinte die Erzdiözese Trier mit Koblenz. Die Burg Cochem wurde ein Verwaltungssitz, die Moselregion blieb von Kriegen weitgehend verschont, und die Moselaner meinten: „Unter dem Krummstab lässt sich’s gut leben!“ Die Stadt Cochem erhielt 1332 Stadtrechte und wurde mit Mauern, Türmen und Toren befestigt.

Gemäldegalerie

1689 dann das Ende der wehrhaften Reichsburg

Sie wurde gesprengt und niedergebrannt – von französischen Truppen. Und sie erlitt damit dasselbe Schicksal wie die meisten Burgen von Heidelberg bis hinter Koblenz. Die Truppen sandte Sonnenkönig Ludwig XIV. an Rhein und Mosel, um angebliche Erbansprüche durchzusetzen (Pfälzische Erbfolgekrieg, 1688–1697). Es ging um das Erbe der Liselotte von der Pfalz, die durch Heirat mit dem Bruder Ludwigs Herzogin von Orleans geworden war. Ludwig fiel mit seinen Truppen ein, als die Reichsarmee gegen die Türken vor Wien kämpfte. Auch die Stadt Cochem wurde drei Monate später überfallen und vollständig zerstört.

Die Burg blieb Ruine bis sage und schreibe 1868, als der Berliner Kaufmann und spätere Geheime Kommerzienrat Louis Ravené das Grundstück für 300 Goldmark kaufte und die Burg wieder aufbauen ließ. Der gebürtige Hugenotte verliebte sich in die Ruine. Da gerade die Eisenbahnstrecke zwischen Koblenz und Metz entlang der Mosel geplant wurde, lohnte es sich für Kaufl eute wie Ravené zu investieren. Die Eisenbahn war damals der Fortschrittsmotor. Ein Bestandteil dieser Strecke war ein Tunnel zwischen den Städten Ediger-Eller und Cochem, der den Gebirgszug Krampen direkt unterqueren sollte. Nach nur vierjähriger Bauzeit ging der zweigleisige Kaiser-Wilhelm-Tunnel (KWT) dann 1879 in Betrieb. Bis Mitte der 1980er-Jahren diente die Gebirgsunterführung als längster Eisenbahntunnel Deutschlands.

Anlage

Eine imposante Baustelle war auch die Ruine der Burg in Sichtweite des Tunnels

Kunstliebhaber und Millionär Ravené hatte klare Vorstellungen: Die Reste des Bauwerks sollten den romantischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts entsprechen. Als Bauvorlage diente ein Kupferstich der Burg von 1576. Aus der alten, gotischen Burg wurde fl ugs eine neugotische. Aus dem alten Wehrbau wurde ein Wohnschloss. Kurzum: Die Burg macht äußerlich den Eindruck einer Ritterburg, innen aber ist sie mit dem Wohnkomfort der 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts ausgestattet. Sie ist also kein Museum mittelalterlicher Herrlichkeit.

Beim Neubau wirkten viele heimische Hand- und Kunsthandwerker mit. Entsprechend dekorativ sind Räume und komfortabel die Möbel. Es wurden alte Baustile berücksichtigt, die in 1000-jähriger Geschichte angewendet wurden. So fi nden heutige Besucher u. a. einen Speisesaal im Neorenaissancestil, ein gotisches und ein romanisches Zimmer vor. Stellvertretend für die detailgetreue Nachbauten sollte der Besucher den Speisesaal (auch Remter genannt) auf jeden Fall besichtigen: beeindruckend der reiche Holzschmuck, fast alle Wände sind mit Eichenholz vertäfelt und kunstvoll beschnitzt. Möbel und Türen wurden darauf abgestimmt. An den Türen und Geschirrschränken zwischen den Fenstern erkennt man Szenen aus der Bibel, an den Wandtäfelungen sind es Motive aus der griechischen Mythologie.

Der Ausstattungsstil dieses Raumes ist die Neorenaissance. Renaissance heißt Wiedergeburt (der antiken Formen). Der Renaissancestil liebt das Ebenmaß, die Symmetrie. Ein Beispiel dafür ist die Gestaltung der Wand vor einem riesigen Buff et und der Kaminwand. Der Kamin mit einem Holzaufbau steht dort nur, um das Gleichgewicht in diesem Raum zu wahren. Ihn ziert der Reichsadler in den Reichsfarben Schwarz-Gold. Die Wände sind mit Ornamenten reich bemalt, es sind keine Tapeten. Kurios: Wenn man die Tür rechts neben dem Buff et öff nen will, entpuppt sie sich als Attrappe. Sie wurde nur angebracht, um der Symmetrie der Renaissance aufrechtzuerhalten.

1877 wurden die Einweihung der Burg und die Befahrung des Kaiser-Wilhelm-Tunnels mit einem Festbankett im Rittersaal der Burg gefeiert. Die Erben des Herrn Ravené haben die Burg 1943 an das Deutsche Reich für eine Million Reichsmark verkauft. Nach dem Krieg wurde die Burg zur Besichtigung freigegeben, 1978 kaufte die Stadt Cochem die Burg und betreibt sie seitdem als Museum. Dort lässt sich übrigens im Burgkeller ein rustikales Rittermahl einnehmen. Als Willkommenstrunk kredenzt der „Burggraf“ Moselwein im Steingutbecher und führt in die alten Tischsitten und Gebräuche dieser „Gasterey“ ein.